Haarige Nebenwirkungen

Wenn man als Außenstehender grob über Krebs nachdenkt, taucht unwiderruflich ein Bild vor Augen auf:
Der Haarverlust durch Chemotherapien.

Ich auch ich muss es offen zugeben- als ich als gesunde Frau (die ich die längste Zeit meines Lebens gewesen bin) habe zuerst daran gedacht, wenn ich gehört habe, dass jemand Krebs hat.
Ich möchte heute nicht über Schönheit und Weiblichkeit sprechen, und auch nicht über das Gefühl, wie es ist, wenn man den Rasierer ansetzen muss
(denn das ist ein ganz eigenes Thema für sich).

Ich würde gern darüber sprechen, ob diese Assoziation mit der Glatze immer richtig sind, und ob man daran ableiten kann, wie es einem gerade geht.
Ihr werdet es ahnen, denn die Antwort lautet: nein, leider nicht.

Und einen Schritt weitergehend sogar: es ist irreführend.

Zunächst die harten Fakten:

  • Nicht jeder, der an Krebs erkrankt benötigt eine Chemotherapie
  • Nicht jeder, der eine Chemotherapie bekommt (dafür aber Krebs hat) bekommt eine Glatze

 

Mit anderen Worten: Wir können von außen nicht sehen, wie es dem Menschen geht- ob er Krebs hat-, wie schwer seine Behandlung ist und wie schlimm die Monster unter seinem Bett.
Andere Patient*innen wissen schon vorab, dass die Haare ausfallen werden.
Meistens ist es so, dass die Haare am Anfang der Chemotherapie ausfallen.
Widerstandlos, leblos und unaufhaltsam.

In meinem persönlichen Nähkästchen war es so:
Als ich meine Diagnose bekam, fühlte ich mich körperlich wie immer- aber psychisch sehr schlecht und von Ängsten geplagt.
Als etwa die Hälfte der Chemozeit überstanden war, fingen meine Haare wieder an zu wachsen und als ich die Behandlung abgeschlossen hatte, war auch meinem Kopf etwas, das sogar an eine Pixie-Frisur erinnerte.
Es war auffällig, wie viele Menschen mich darauf ansprachen, dass ich gut aussähe und deshalb ableiteten, dass es mir auch besser gehen musste.
Schließlich sah ich längst nicht mehr aus, wie sie sich eine an Krebs erkrankte Person vorstellten.

Die Wahrheit ist: Es ging mir ganz und gar nicht gut.

Als meine Haare ausfielen, passierte das nach der allerersten Chemotherapie und alle hielten mich für gebrechlich und schwach.
Als ich tatsächlich schon eine Frisur auf dem Kopf hatte, hatte ich 24 Chemotherapien, 7 Operationen und etliche Infekte hinter mich gebracht.
Obwohl ich besser aussah, fühlte ich mich elender denn je.

Ich finde, dass wir darüber sprechen können, müssen und sollen.
Weil wir doch alle wissen, dass wir nicht schnell urteilen dürfen und wir wissen, dass einiges nicht so ist wie es scheint.
Aber einiges kann man nicht wissen- und ich glaube diese Facette mit den Haaren gehört dazu.

Heute trage ich übrigens einen lockigen Bob. Es geht mir gut und ich kann es kaum erwarten, wenn ich einen Dutt binden kann.
Und selbst mit Haaren und inzwischen ohne Krebs trügt der Schein:
Ich träume von einem Dutt, den ich mir selbst gerade nicht zusammenbinden könnte, weil der Bewegungsradius meiner Arme dafür nicht reicht.

Nein, Haare sind kein Maßstab, an denen wir sehen können, wie krank ein Krebskranker wirklich ist.

 

Bis bald!

 

Wure Paula

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