Schlüsselmomente

„Wie ist das, so eine Diagnose zu bekommen?“, wurde ich neulich gefragt.

Ich erinnere mich natürlich noch genau an dieses dumpfe Gefühl, das mir immer noch durch den Körper schießt, wenn ich an die Worte des Arztes denke. Beschreiben kann ich dieses Gefühl jedoch nicht.

Ich stammelte irgendwas vom „Boden unter den Füßen weg“ und „Als wäre dir ein Zug vors Gesicht gefahren“- aber mal Hand aufs Herz:
Ich hatte noch nie ein Problem mit meiner Bodenhaftung und wäre mir ein Zug vors Gesicht gefahren, wäre von mir wohl kaum noch etwas übrig. Ich muss eingestehen, dass es nicht so einfach ist, Worte für Gefühle zu finden, die es schaffen so eine Situation überhaupt greifbar zu machen.
Denn dieses Gestammel ist nur ein Versuch- ich habe keine ähnliche Situation erlebt und es mit fiktiven Situationen zu vergleichen, erscheint mir nicht richtig.

Kann ich das Gefühl der Diagnose also überhaupt beschreiben?
Ich muss passen- ich kann es nicht.

Je länger ich darüber nachdenke, war es für mich mehr mit einer Ungläubigkeit verbunden.
Dass ich an Krebs erkrankt war, war für mich überhaupt nicht greifbar- gar unwirklich.

Was ich aber sofort spürte, war Angst.
Ich malte mir sämtliche Szenarien aus, von denen ich glaubte sie würden in naher Zukunft auftreten. Das löste ein solches Kopfkino in mir aus, dass ich wirklich nicht wusste, ob die Angst oder der Krebs das schlimmere Laster waren.

So richtig realisiert habe ich die Diagnose lange nicht- ich hoffte wirklich noch (ich hatte schon einige Chemos intus), dass die Ärzte mit einem Blumenstrauß vor meiner Tür stehen würden und sich reudig bei mir entschuldigen würden, dass sie sich getäuscht hätten.
Das ist nie passiert. Ich hatte wirklich Krebs und das wirklich zu realisieren, machte mich vor allem traurig.

Dinge, die seitdem passiert sind, nenne ich Schlüsselmomente.
Ich kann sie nicht endgültig für Außenstehende beschreiben, weil mir Vergleichssituationen fehlen, die an all das herankommen könnten und trotzdem waren das Momente, die etwas mit mir gemacht haben.

Schlüsselmomente sind nicht nur schreckliche Dinge- ich habe auch viele schöne Schlüsselmomente gesammelt. Ein kleiner Auszug aus meinen- sind:

  • Das Rasieren der Glatze
  • Chemo zu bekommen
  • Ohne Brust zu sein
  • Behandlung abschließen
  • Weggefährtinnen persönlich kennenzulernen
  • Das erste Mal ohne Mütze rauszugehen
  • Sich trotz Krebs, mal kurz gesund zu fühlen
  • Barfuß am Strand zu stehen

 

Zurück zum Anfang:
Mein Vergleich mit dem bodenlosen freien Fall oder dem Zug stieß übrigens auf absolutes Verständnis und warf keine weiteren Fragen mehr auf.
Mein Gegenüber hatte wahrscheinlich auch noch nie eine solche Situation erlebt, konnte aber folgendes nachfühlen:
Eine so unglaubliche, überraschende, schmerzliche und surreale Diagnose zu bekommen, ist eine Grenzerfahrung.

Und auch, wenn das vielleicht als Erklärung so reicht, interessiert es mich brennen:

 

Was sind eure Schlüsselmomente und wie würdet ihr sie anderen beschreiben?

 

Ich bin sehr gespannt!

 

Bis bald- eure Paula

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